
Wenn das Herz noch hängt…
„Dieses verdammte Flugticket!“, schimpft mein inneres Rumpelstilzchen, nachdem ich das Stück Papier aus den Tiefen meiner Handtasche gefischt, darauf gestarrt und mein Atem einen Aussetzer hatte. Denn es erwischt mich eiskalt. Innerhalb von Sekunden beginnt ein Film in meinem Kopf. Genau genommen sind es einzelne Bilder: Ich – allein im Flugzeug nach Wien sitzend. Ich – wie ich ihn einige Stunden später am Flughafen abhole. Wir – in einem Theater, wo er arbeitet, mich als seine Assistentin vorstellt und ich innerlich die Augen verdrehe. Die Nacht im Hotel, seine Hände auf meinem Körper. Der Flug zurück. Und natürlich bleibt es nicht bei den Erinnerungen an diesen merkwürdigen Trip nach Wien. Das tut es nie. Ein Lied, eine Filmszene oder eben das Flugticket – und plötzlich schießen Erinnerungsfetzen aus unserer kompletten gemeinsamen Zeit durch meinen Kopf.
Rumpelstilzchen gegen Herz
Das Rumpelstilzchen in meinem Kopf ist sauer! Erstens weil ich eine kleine Chaotin bin, die wieder zu viel in der Tasche hortet und das Ticket nicht weggeworfen hat. Und zweitens auf mein Herz, das jetzt wieder traurig ist. Rumpelstilzchen feuert ärgerlich seine Tiraden ab: „Es ist doch schon seit Monaten vorbei! So lange wart ihr doch gar nicht zusammen! Es durfte nicht mal Beziehung heißen! Es war SO! VIEL! DRAMA! Es ist gut und richtig, dass es vorbei ist! Und es geht dir doch eigentlich wieder gut!“ Mein Herz seufzt und zuckt niedergeschlagen mit den Schultern. Und so geht der innere Kampf weiter. Zwischen Rumpelstilzchen in meinem Kopf und dem Teil von mir, der sich bei kleinen Auslösern plötzlich im Labyrinth der Erinnerungen verliert. Der ihn vermisst – trotz allem. Wie sehr habe ich mir damals ein Rezept gewünscht gegen dieses ständige Hin und Her!
Dann wird es richtig fies…
Dieser trauernde Teil, auf den ich mich damals (ist schon eine ganze Weile her) immer wieder zurückgeworfen fühlte, dem begegnen auch meine Klientinnen. Sie begegnen ihm meistens genauso wie ich es damals tat. Mit dem inneren Rumpelstilzchen. Und das kann richtig fies und gnadenlos werden. „Du müsstest doch längst drüber weg sein! Das ist doch nicht normal! Stell Dich nicht so an! Hör auf zu heulen! Du bist so schwach!“ Der Kampf dieser inneren Instanzen macht es aber nur schlimmer und kostet noch mehr Energie als alle Nach-Trennungs-Gefühle sowieso schon einfordern. Es ist ein einfaches psychologisches Prinzip: Widerstand gegen die eigenen Gefühle verstärkt die Spannung. Und Spannung können wir in dieser Situation so gar nicht gebrauchen!
Na super, und jetzt?
Was hilft gegen dieses Dilemma? Es ist ein Rezept, das simpel klingt und uns doch oft nicht gelingt: Man nehme Akzeptanz, gebe einen guten Schuss Geduld hinzu und vermische es mit einer sehr großzügigen Portion Selbstmitgefühl. Was wir möglichst komplett rauslassen: Widerstand gegen die eigenen Gefühle und permanente (!) Ablenkung (ab und zu ablenken ist total ok und sogar notwendig, um weiter am „normalen“ Leben teilzunehmen). Aber jetzt mal von vorne, zur ersten Zutat. Wie geht das mit dieser Akzeptanz? Gemeint ist das Wahrnehmen und Annehmen von Gefühlen. Das fällt uns meistens leichter (und es ist lustiger), wenn wir 1.) die verschiedenen Gefühle in uns personifizieren, wenn wir sie uns also möglichst plastisch vorstellen… so wie eben ein Rumpelstilzchen oder eine trauernde Witwe und sie 2. wohlwollend würdigen. Also statt das Rumpelstilzchen oder die trauernde Witwe loswerden zu wollen (das wäre der Widerstand, der es schlimmer macht), hören wir ihnen doch mal zu und fragen, was sie wollen.
Die Botschaften der inneren Anteile
Dann merken wir: Das Rumpelstilzchen meint es im Grunde gut (anders als im Märchen!). Es will, dass wir nach vorne schauen und uns davor bewahren, in unserer Niedergeschlagenheit zu versinken. Diese Energie brauchen wir, um unser Leben weiter zu leben. Erst, wenn wir es verteufeln oder versuchen, komplett zu ignorieren, wird es so gemein. Und die trauernde Witwe? Die hat genauso ihre Berechtigung. Denn sie will der Traurigkeit Raum geben, die wir brauchen, um die Trennung zu verarbeiten. Sie erinnert uns daran, dass manche Tränen geweint werden müssen, damit wir uns irgendwann danach leichter fühlen. Und schließlich zeigt uns Trauer immer, dass uns dieser Mensch wichtig war, dass er eine Bedeutung für uns hatte. Wenn uns niemand jemals wichtig gewesen wäre, wenn wir niemals geliebt hätten, was wäre das für ein Leben? Wenn wir also begreifen, dass die beiden Anteile im Grunde gute Absichten haben und eine freundlichere Haltung ihnen gegenüber einnehmen, dann schwindet der innere Widerstand. Es wird ruhiger in uns. Und ich erinnere mich noch genau, wie ich irgendwann fast schulterzuckend lachen musste, als das Rumpelstilzchen wieder begann rumzupöbeln: „Ach, Du schon wieder? Naja, ok. Hi! Jaja, Schatz, ich weiß, dass es besser so ist. Ich schaue auch morgen wieder nach vorne, aber jetzt muss ich erstmal kurz weinen, ok?“ Und die trauernde Witwe habe ich innerlich in den Arm genommen und ihr immer wieder gesagt: „Ich bin bei dir. Und irgendwann wird es besser.“
Die liebe Geduld
Geduld ist auch eine wichtige Zutat im Rezept. Wie oft meine Klient*innen (und ich damals) um die Fragen kreisen, wann es ENDLICH besser wird, wann die trauernde Witwe alle Tränen geweint hat. Das ist zutiefst menschlich und verständlich. Doch so Leid es mir tut, eine gesichert-fundierte Aussage gibt es dazu nicht. Oft schwingt in der Frage nach der Dauer des Liebeskummers auch die Frage „Bin ich noch normal?“ mit. Als bräuchten wir eine Legitimation von außen, die uns sagt, dass es okay ist, wenn wir noch verletzt oder verärgert sind. Ich gebe dann immer ein inneres Mantra mit, das sich in meiner Arbeit als hilfreich erwiesen hat: „Es dauert so lang wie es dauert. Und das ist okay.“*** Auch dieser Satz appelliert wieder an die Akzeptanz. Ich empfehle also: Wenn die Ungeduld anklopft (die ist verwandt mit Rumpelstilzchen), halte inne, atme, und sprich innerlich dieses Mantra. Wenn es Dir hilft, schreib es auf oder druck es aus und häng es an Deinen Spiegel. Mich hat es damals sehr beruhigt; Klientinnen berichten dasselbe. Aber verlange nicht zu viel von Dir! Manchmal darf Dich auch die Ungeduld überkommen. Du bist ein Mensch – und es gibt keinen Preis für die perfekte Trennungsverarbeitung (obwohl die Dankesrede lustig wäre: Und ich danke… Rumpelstilzchen!)
Auftritt: Selbstmitgefühl
Hier kommt das Selbstmitgefühl ins Spiel, die letzte Zutat in unserem Rezept. Ich übersetze es immer in „Gütig sein mit Dir“. Ich rede nicht von dem oft überhöhten und in den sozialen Medien bis zur Unkenntlichkeit verformten Konzept der „Selbstliebe“. Dieser Begriff stresst viele von uns, weil er unerreichbar scheint. Ich muss mich also selbst komplett lieben? Puh! Worum es wirklich geht: Begegne Dir mit Wohlwollen! Wie würdest Du mit Deiner allerliebsten, besten Freundin sprechen, wenn sie eine Trennung hinter sich hat? Würdest Du sie stressen? Mit ihr schimpfen? Sie ermahnen? Ihr vorwurfsvoll sagen: „Ich hab’s Dir doch gesagt“? Oder würdest Du sie umarmen, ihr Taschentücher und Eis vorbeibringen, ihr einfach liebevoll beistehen und sie trösten? Eben! Dann übe Dich doch darin, dieselbe Haltung Dir gegenüber einzunehmen. Ich sage bewusst üben. Denn wir sprechen innerlich oft sehr unfreundlich mit uns selbst. Die Übung lohnt sich! Denn Selbstmitgefühl hilft Dir nicht nur nach einer Trennung, sondern wird zu einer zentralen Kraft in Dir, die Dich durch jede Art von Krise tragen kann.
Es kann nur einen Weg geben… oder doch nicht?
Als ich damals versuchte, über die Trennung hinweg zu kommen, habe ich zwar vieles davon intuitiv gemacht, hatte aber keinen Schimmer, was ich da tue. Und Hand aufs Herz: Das war kein geradliniger Weg! Es war chaotisch. Ich habe mich einfach durchgekämpft, mit Tränen, Wut, und mehr Hin- und Her, als mir lieb war und ich bis dahin kannte. Und trotzdem bin ich da raus gekommen. Es gibt also verschiedene Wege durch die Nach-Trennungszeit, nicht den einzig richtigen! Doch die liebevolle Haltung zu Dir und die Bestandteile, die ich hier beschreibe, haben sich in der Praxis als sehr hilfreich erwiesen und decken sich mit psychologischen Erkenntnissen (Experiential Avoidance / Gedankenunterdrückung, ACT-Akzeptanz, Duales Prozessmodell / IFS, Bindungstheorie, Self-Compassion…). Also, auch wenn es kein Zaubertrank ist, herzliche Einladung: Probier‘ das Rezept doch mal aus – oder auch nur einzelne Zutaten! Und wenn Du magst, stehe ich neben Dir und helfe Dir beim Brauen! : ) Weiter unten findest Du Informationen und den Link zu einem Online-Workshop, in dem es genau um die Situation geht, die ich in diesem Beitrag beschreibe.
*** Hinsichtlich der Dauer und Intensität von Traurig- und Niedergeschlagenheit gilt: Wenn Deine Stimmung flach, konstant und durchgehend sehr schlecht ist ohne leichtere Momente dazwischen, wenn Du Dich mehr und mehr aus Deinem sozialen Umfeld zurückziehst, wenn sich Deine Gedanken immer vehementer gegen Dich selbst richten bis hin zum Empfinden von Sinnlosigkeit und Suizid, bitte hole Dir in all diesen Fällen unbedingt Hilfe! Hole Dir auch dann Hilfe, wenn Du selbst spürst, dass es sehr schwer wird, nicht mehr allein da raus zu kommen oder Dir Deine liebsten Menschen dieses Signal geben! Und hier kommen ein paar hilfreiche Nummern dafür:
Schnelle Hilfe
Bei akuter (Selbst-)Gefährdung: 112 (Notruf)
Durchgehend besetzte Telefon-Seelsorge: 0800 / 111 0 111 sowie 0800 / 111 0 222
Hilfe per Email und Chat: https://www.telefonseelsorge.de/

Wenn das Herz noch hängt – der Online-Workshop
Hand aufs Herz: Denkst Du manchmal „Ich müsste doch schon weiter sein“? Aber ein Song, ein Ort, eine Erinnerung, und alles ist wieder da: Trauer, Wut, Vermissen.
Genau hier setzt dieser Abend an. Nicht mit Disziplin, Ablenkung oder „Mir-geht-es-super“-Maske, sondern mit ehrlichem Hinschauen und der Akzeptanz dessen, was gerade in Dir ist. In drei Stunden bekommst Du geschützte Übungen und berührende Impulse, die Dich wieder mit Dir selbst verbinden und Deinen Gefühlen Raum geben, damit Du zurück ins Gleichgewicht findest.
Für Frauen* nach einer Trennung, die nicht mehr im Schockzustand sind – aber deren Herz noch nicht zur Ruhe gekommen ist.
*auch alle, die sich als weiblich identifizieren

Wer hier schreibt
Ich heiße Maria Wadenpohl und bin Psychologische Beraterin für Frauen. Mein Schwerpunkt & Herzthema ist die Begleitung nach einer Trennung. In meiner Arbeite unterstütze ich Frauen 1:1 online dabei, sich selbst wieder zurück zu erobern. Ich helfe ihnen, wirklich bei sich anzukommen und ein selbstbestimmtes Leben zu gestalten.
Ziel ist, dass sie nicht nur über ihre Trennung hinweg kommen, sondern in die eigene Kraft zurückfinden: mit klaren Bedürfnissen, tiefen Werten, echten Grenzen und einem Leben, das sich wirklich nach ihnen anfühlt.
Was noch? Ich bin Jahrgang 1981, wohne zwischen Köln und Düsseldorf, liebe Wandern und Schreiben – offensichtlich. ; )